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Wer hat unsere Zeit verschoben?!

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Ostern jenseits von religiösem Storytelling

Es gibt viele Momente im Jahr, die wir feiern, ohne wirklich zu fragen, was wir da eigentlich feiern. So wie jetzt. Ostern. Schon als Kind brachte ich vieles nicht zusammen an diesem Fest, das mir voller Gegensätze schien. Auf der einen Seite die Geschichte vom Tod – von Leid, Kreuzigung und der Auferstehung. Schwer und ernst. Und daneben dieses fast überbordende Leben, das sich überall zeigt. Blüten, die sich öffnen. Vögel, die zurückkehren. Die bunten Eier und Hasen. Die Natur, die aufersteht. Ein leiser Widerspruch. Oder vielleicht sogar mehr als das.

Denn während die Natur in dieser Zeit von Aufbruch erzählt, von Wachstum, von einem unaufhaltsamen Ja zum Leben, begegnen wir in der kulturellen Prägung einem Narrativ von Tod und Erlösung. Ein Spannungsfeld, das wir selten bewusst wahrnehmen oder uns einfach keine Gedanken dazu machen. Weil wir es so gelernt haben. Weil es einfach „dazugehört“. Und gleichzeitig ist da etwas, das sich nicht ganz stimmig anfühlt, wenn wir wirklich hineinspüren. So geht es mir jedenfalls.

Dieses Fest verschiebt sich jedes Jahr. Es ist nicht an ein fixes Datum gebunden, sondern an den Himmel – an den ersten Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Schon darin liegt ein Hinweis. Eine Spur von etwas Älterem. Etwas, das tiefer mit dem natürlichen Rhythmus verbunden ist als mit einer festgelegten Erzählung.

Denn diese Zeit im Jahr trägt ihre eigene Wahrheit in sich. Die Erde beginnt zu atmen. Leben bricht hervor. Etwas richtet sich auf, wächst, entfaltet sich. Es ist ein Neubeginn, der nicht per Dekret beschlossen wurde – sondern geschieht. Ganz natürlich.

Vielleicht kannst du beginnen zu sehen, wie Bedeutungen sich verschieben können. Wie etwas umgedeutet, überlagert, neu «geframed» wird. Wenn wir wach sind, können wir das gerade auch heute erkennen bei so vielen Themen. Wir können es auch in der Geschichte sehen. Vielleicht weil Kulturen sich entwickeln. Vielleicht weil die Menschen, die Geschichte schreiben, oft eigene Interessen verfolgen. Vielleicht weil Systeme sich überlagern. Und plötzlich stehen wir mitten in einem Fest, das zwei vollkommen unterschiedliche Bewegungen in sich trägt.

Und von hier aus weitet sich der Blick. Denn so wie wir Feste übernehmen, übernehmen wir auch Strukturen. Rhythmen (oder sollte ich besser sagen einen «Takt»?!). Ordnungen, die wir selten hinterfragen.

Einmal im Jahr um die Sonne. 365 Drehungen der Erde um sich selbst. Ein scheinbar klares, geordnetes System. Und doch beginnt die leise Irritation genau dort, wo wir anfangen, wirklich hinzuschauen.

Wenn wir die 365 Tage durch 28 teilen, dann bekomen wir 13 Monate. 13 Monate, die aus 28 Tagen bestehen. Jeder Monat beginnt mit einem Montag und endet mit einem Sonntag. Ein Rhythmus, der sich (für mich) runder anfühlt, als das, was wir gerade leben.

Und dann diese kleinen Risse in der Sprache selbst. Darüber habe ich schon oft geschrieben. September – der siebte Monat. Oktober – der achte. November – der neunte. Dezember – der zehnte. Und doch leben wir in einer Ordnung, in der genau diese Monate an neunter, zehnter, elfter und zwölfter Stelle stehen. Wann haben wir aufgehört, darüber zu staunen? Wann haben wir entschieden, dass das einfach „so ist“? Wann haben wir aufgehört, uns Fragen zu stellen? Was, wenn Januar der elfte, Februar der zwölfte und März der dreizehnte Monat des Jahres war und der Zyklus im April neu beginnt?

Vielleicht ist es gar nicht die Frage, ob etwas falsch oder richtig ist. Vielleicht ist es die viel feinere Bewegung: zu spüren, wo etwas nicht mehr stimmig klingt. Wo sich ein leiser Zweifel regt – nicht im Kopf, sondern im Körper.

Denn was wir übernehmen, ohne es zu hinterfragen, wird zu unserem inneren Boden. Zu dem, worauf wir stehen. Zu dem, was wir für Realität halten. Und genau da wird es spannend und auch gefährlich. Wir gewöhnen uns. An Zeitstrukturen. An Bedeutungen. An Erzählungen, die wir nie selbst geprüft haben. Weil wir eingebettet sind in ein System, eine Sprache und kollektive Übereinkünfte, die uns Orientierung geben sollen. Doch Orientierung kann sich unmerklich in Begrenzung verwandeln, wenn sie nie berührt wird von Bewusstheit.

Was, wenn der Beginn eines Jahres nicht der 1. Januar ist, sondern der Moment, in dem das Leben sichtbar neu erwacht? Die Tagundnachtgleiche im Frühling. Wenn Licht und Dunkel sich die Hand reichen. Wenn etwas in uns aufatmet und sagt: Jetzt beginnt etwas.

Und was, wenn diese kleine Verschiebung – diese scheinbar harmlose Ordnung – uns etwas Größeres zeigt? Nämlich, dass wir nicht nur die Zeit übernommen haben, sondern auch viele andere Geschichten. Über uns selbst, über das Leben und vor allem über das, was möglich ist.

Ich schreibe diesen Text ganz bewusst jetzt. Denn wir verlieren Geschichte (und Freiheit!) nicht auf einmal. Wir verlieren sie meist schleichend und leise. Durch Gewohnheiten, die wir nie bewusst gewählt haben (alle anderen machen es auch so). Durch Überzeugungen, die wir nie wirklich geprüft haben (weil wir so beschäftigt werden mit immer neuen Infos). Durch Bequemlichkeit (ich habe gerade keine Zeit und Energie). Durch Rhythmen, die nicht aus uns selbst heraus entstanden sind.

Und gleichzeitig liegt genau hier eine Einladung: Fragen stellen. Nicht aus Misstrauen, sondern aus lebendiger Neugier. Sich mit dem Herzen verbinden: fühlt sich das stimmig und ehrlich an? Und mutig für die eigene Wahrheit einstehen und den Weg gehen.