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Sonnenbrille – kritisch betrachtet

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Viele von uns greifen ganz selbstverständlich zur Sonnenbrille. Kaum wird es hell, liegt sie schon auf der Nase – im Auto, beim Spaziergang, im Garten. Sie gehört fast so selbstverständlich zum Sommer wie Sandalen oder Sonnencreme (dazu folgt ein separater Beitrag!). Und doch frage ich mich manchmal, ob wir dadurch nicht etwas Wesentliches verloren haben: den unmittelbaren Kontakt mit dem Licht.

Nicht das grelle, brennende Mittagslicht. Nicht das stundenlange Liegen in der prallen Sonne. Sondern die Helligkeit eines Sommertages. Das volle Farbspektrum des Himmels, das durch die Augen in unseren Körper fällt und dort etwas in Bewegung bringt. Unser Körper lebt im Dialog mit Licht. Über spezielle lichtempfindliche Zellen in der Netzhaut erhält unser Gehirn die Information, wie hell es draussen ist. Daraus entsteht unser zirkadianer Rhythmus – jene innere Uhr, die beeinflusst, wann wir wach werden, wann wir Energie haben, wann wir Hunger verspüren, wann wir uns konzentrieren können und wann unser Körper beginnt, Melatonin für die Nacht zu bilden. Vor allem das natürliche Morgenlicht scheint dafür von grosser Bedeutung zu sein. Menschen, die morgens regelmässig einige Minuten Tageslicht aufnehmen, schlafen oft besser, fühlen sich tagsüber wacher und innerlich ausgeglichener. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov)

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum viele Menschen sich erschöpft, aus dem Rhythmus oder irgendwie abgeschnitten fühlen: Wir verbringen den grössten Teil des Tages in Innenräumen, sehen künstliches Licht und nehmen das natürliche Licht oft nur gefiltert wahr – durch Fensterscheiben, Sonnenbrillen und Bildschirme.

In den letzten Jahren hört man immer wieder die Behauptung, Sonnenbrillen seien mitverantwortlich für Hautkrebs oder andere Erkrankungen. Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Einen Anstieg von Krebs allein durch die Einführung von Sonnenbrillen hat die Forschung nie nachweisen können.
Was jedoch gut belegt ist: Unser Körper braucht die Begegnung mit natürlichem Licht, um sich auf die Sonne einzustellen. Wenn wir regelmässig und in kleinen Dosen Sonne an Haut und Augen lassen – besonders am Morgen und in den ersten sonnigen Wochen des Jahres –, beginnt die Haut, mehr Melanin zu bilden. Melanin ist das Pigment, das unserer Haut Farbe gibt. Vor allem aber ist es ein natürlicher Schutz. Es absorbiert einen Teil der UV-Strahlung und hilft der Haut, sich auf stärkere Sonne vorzubereiten. Wer sich langsam an Licht gewöhnt, erlebt oft, dass die Haut widerstandsfähiger wird und weniger schnell reagiert. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov)

Vielleicht ist genau das etwas, das wir wieder lernen dürfen: Sonne nicht nur als Gefahr zu sehen, sondern als etwas, mit dem unser Körper in Beziehung steht. Damit meine ich nicht die Mittagssonne im Hochsommer, oder das stundenlange Sonnenbaden, bis die Haut brennt. Sondern dieses langsame, achtsame Gewöhnen. Ein paar Minuten Morgenlicht auf dem Balkon. Die ersten warmen Frühlingstage. Ein Spaziergang ohne Sonnenbrille. Die Haut beginnt, sich zu erinnern. Der Körper baut Melanin auf. Er bereitet sich vor auf die Sonne. Wenn wir dagegen den ganzen Winter kaum draussen sind, uns sofort vollständig schützen und dann plötzlich einen ganzen Nachmittag in der Sommersonne verbringen, fehlt oft genau diese Vorbereitung. Die Haut hatte keine Gelegenheit, ihren natürlichen Schutz zu entwickeln.

Die Vorstellung, dass allein die Augen über ein bestimmtes „Hormon“ die Melaninproduktion steuern, ist wissenschaftlich so nicht belegt. Melanin wird direkt in der Haut gebildet – als Antwort auf UV-Licht. Und doch gibt es Hinweise darauf, dass Licht, das über die Augen aufgenommen wird, viele Prozesse im Körper beeinflusst: unsere innere Uhr, Hormone, Schlaf, Stimmung und vermutlich auch, wie gut wir uns an Licht und Sonne anpassen. (pmc.ncbi.nlm.nih.gov)

Sonnenbrillen haben ihren Platz. Im Hochgebirge, auf dem Wasser, im Schnee oder beim Autofahren in blendendem Licht können sie die Augen schützen. Doch vielleicht müssen wir sie nicht immer und überall tragen. Vielleicht dürfen unsere Augen wieder Licht empfangen. Vielleicht dürfen wir der Weisheit des Körpers ein wenig mehr vertrauen. Denn manchmal beginnt Gesundheit mit etwas sehr Einfachem: mit ein paar Minuten Licht auf der Haut. Und mit dem Gefühl, dass wir Teil dieser lebendigen Welt sind.