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KI Musik

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Es ist schon ein bisschen verrückt… Da ist dieser Blues-Sänger Dusty Rivers mit «Something Good Is Comming» und mit einer Stimme, die so rau klingt, so warm, so voller gelebtem Leben. Eine Stimme, bei der ich sofort Bilder im Kopf habe. Von verrauchten Bars, langen Nächten, gebrochenen Herzen und all dem, woraus Blues eben entstanden ist. Nur: Dusty Rivers hat nichts davon erlebt.

Und dann ist da IngaRose mit «Celebrate Me». Als ich den Song im Mai zum ersten Mal gehört habe, hatte ich Gänsehaut. Mir liefen die Tränen über die Wangen. Ich liebe diesen Song. Und schon einen Tag später war mir klar: Das ist KI.

Ich höre ihn trotzdem. Und genau da beginnt für mich die Sache kompliziert und verstörend zu werden.

Denn offensichtlich kann mich Musik berühren, auch wenn der Mensch, dessen Stimme ich zu hören glaube, gar nicht existiert. Die Emotion, die in mir entsteht, ist ja trotzdem echt. Meine Gänsehaut ist echt. Meine Tränen sind echt. Die Erinnerung, die ein Song in mir auslöst, ist echt.

Aber: eine KI erfindet eine Blues-Stimme schliesslich nicht aus dem Nichts. Sie hat gelernt, wie Blues klingt. Wie eine Stimme rau wird, bricht, zieht, leidet. Wie Gitarren klingen, wie Songs aufgebaut sind, welche Harmonien uns berühren. Und dieses Wissen kommt irgendwoher.

Es kommt von unzähligen Musikerinnen und Musikern, die über Jahrzehnte und Generationen hinweg Musik gemacht haben. Von Menschen, die geschrieben, komponiert, gesungen und gespielt haben. Von Menschen, die ihr Leben in ihre Musik gelegt haben. Ich hatte einige Beziehungen mit Musikern und weiss aus nächster Nähe, was es bedeutet, von der eigenen Musik leben zu wollen. Wie viele Jahre des Lernens und Übens dahinterstecken, wie viel Herzblut in Songs fliesst, wie viel Zeit in Proberäumen, auf Bühnen (vor einer handvoll Menschen) und in Studios verbracht wird – und wie schwierig es trotzdem sein kann, um davon zu leben.

Ihre Stimmen, ihre Musik, ihre Kreativität und letztlich auch ihre Lebenserfahrung haben mit dazu beigetragen, das Material zu schaffen, aus dem KI heute lernen kann.

Und nun kann jemand, der gut mit KI, Computern und Marketing umgehen kann, innerhalb kürzester Zeit Musik produzieren, für die früher viele Menschen gebraucht wurden. Musike*innen, Songwriter, Produzent*innen, Studios. Niemand muss jahrelang ein Instrument lernen. Niemand muss hundert Songs schreiben, bis einer davon wirklich gut ist. Niemand muss mit einer Band durch kleine Clubs tingeln, vor zwölf Leuten spielen und langsam herausfinden, wer er oder sie musikalisch eigentlich ist.

Und ja, auch das gehört für mich zur Wahrheit: Es entstehen dabei Songs, die verdammt gut sein können. Ich glaube, dass es genau das ist, was es für mich so unbequem macht.

Denn, wenn KI-Musik einfach nur schlecht wäre, wäre die Sache ziemlich einfach, oder?! Dann könnten wir sie belächeln und weiterziehen. Aber sie ist nicht einfach nur schlecht. Sie kann wunderschön sein. Sie kann uns berühren. Sie kann erfolgreich sein. Und sie kann sehr viel Geld verdienen.

So. und jetzt wird es spannend. Jetzt stellt sich nämlich für mich die Frage: Wer verdient dieses Geld? Die Menschen, aus deren Musik, Stimmen, Bildern, Texten und Ideen diese Systeme gelernt haben, sind es nicht. Und damit komme ich an einen Punkt, an dem mein Unbehagen beginnt.

Wenn mir jetzt jemand sagt: KI ist jetzt nun einmal da. Gewöhn dich daran. Mach das Beste daraus. Ja. KI ist da. Und sie wird bleiben. Ich nutze sie selbst und finde vieles daran grossartig. Aber für mich bedeutet «es ist jetzt da» nicht automatisch, dass ich deshalb jede Form der Nutzung unkritisch hinnehmen muss. Wir würden schliesslich auch bei anderen Dingen nicht sagen: Kopieren gibt es nun einmal, also gewöhnen wir uns daran. Plagiate gibt es, also machen wir eben das Beste daraus. Sich mit fremden Federn zu schmücken ist technisch möglich, also ist es auch in Ordnung.

Es braucht eine Diskussion darüber, wem kreative Leistung eigentlich gehört, was Originalität in Zukunft bedeutet und ob Menschen, mit deren Werken KI-Systeme trainiert werden, daran beteiligt werden müssten.

Ich merke, dass ich selbst noch keine abschliessende Antwort darauf habe. Ich höre «Celebrate Me» immer noch. Ich mag den Song immer noch. Meine Gänsehaut wird nicht weniger echt, nur weil die Sängerin nicht existiert. Und es gibt diesen schalen Beigeschmack.

Genau dieser Widerspruch beschäftigt mich die Tage: Kann ich etwas lieben und gleichzeitig kritisch hinterfragen, wie es entstanden ist? Was passiert mit Kunst, wenn hinter einer Stimme kein gelebtes Leben mehr steht? Und spielt das überhaupt eine Rolle, wenn das, was diese Stimme in mir auslöst, vollkommen real ist?

Ich weiss es nicht. Doch ich finde, wir sollten darüber sprechen.

Wie geht es euch damit? Berührt euch KI-Musik genauso wie Musik von realen Musikerinnen und Musikern? Verändert sich etwas, wenn ihr erfahrt, dass ein Song KI-generiert ist? Oder spielt es für euch keine Rolle, solange die Musik etwas in euch bewegt?