Kennst du das? Du betrittst einen Raum und spürst sofort, wie die Stimmung ist. Du sitzt mit einem Menschen zusammen, der ruhig, offen und präsent ist, und nach einer Weile atmest du tiefer, wirst weicher, kommst mehr bei dir an. Oder du verbringst Zeit mit jemandem, der unter Strom steht, innerlich angespannt und gehetzt ist – und plötzlich merkst du, dass auch in dir die Anspannung steigt, du flacher atmest oder dich innerlich zusammenziehst.
Wir Menschen sind über das Nervensystem auf tiefe Weise miteinander verbunden. Begegnung geschieht nicht nur über Worte. Sie geschieht über Blicke, Körperhaltung, Atem, Stimme, Gesichtsausdruck und über all das, was zwischen den Worten liegt. Ein Teil dieser Fähigkeit lässt sich heute auch neurobiologisch beschreiben – durch die sogenannten Spiegelneuronen.
In den 1990er-Jahren entdeckte der italienische Neurophysiologe Giacomo Rizzolatti gemeinsam mit seinem Forschungsteam eine besondere Gruppe von Nervenzellen. Diese Nervenzellen werden aktiv, wenn wir beobachten, wie ein anderer Mensch etwas tut oder erlebt. Unser Gehirn bildet innerlich nach, was wir im Aussen wahrnehmen.
Was zuerst bei Bewegungen entdeckt wurde, zeigte sich später auch im emotionalen Erleben. Wenn wir einen Menschen sehen, der lacht, sich freut, traurig ist oder angespannt wirkt, entsteht in uns eine feine innere Resonanz. Unser Nervensystem nutzt seine eigene Erfahrung, um von innen heraus nachzuvollziehen, was der andere erlebt. So entsteht ein stilles Verstehen oder Mitfühlen, das oft schon da ist, bevor Worte entstehen.
Spanend wird es bei Menschen mit narzisstischen Anteilen. Sie können i.d.R. sehr genau wahrnehmen, was andere fühlen, brauchen oder sich wünschen. Sie erkennen Stimmungen, Unsicherheiten und Sehnsüchte oft erstaunlich präzise. Das nennt man kognitive Empathie: Sie verstehen den anderen im Kopf.
Weniger stark ausgeprägt ist häufig die emotionale Empathie – also dieses innere Mitschwingen, das Mitfühlen im eigenen Körper. Die Resonanz ist oft schwächer oder wird rasch von der eigenen inneren Welt überlagert: von Selbstschutz, Angst, Scham, Kränkung oder dem Bedürfnis, sich selbst zu stabilisieren. Forschung geht davon aus, dass bei starkem Narzissmus Hirnregionen, die für emotionale Resonanz wichtig sind, weniger aktiv oder anders vernetzt sind. Dadurch bleibt mehr Aufmerksamkeit beim eigenen Erleben als beim wirklichen Mitfühlen mit dem anderen. Ein wirkliches Einlassen und in Beziehung gehen findet nicht statt.
Wenn wir Zeit mit einem Menschen verbringen, der gestresst ist, nimmt unser System seine Körpersprache, seine Mimik, seine Stimme und sogar seinen Atemrhythmus wahr. Vielleicht sind die Schultern hochgezogen. Die Bewegungen sind abgehackt, hart. Die Stimme klingt angespannter. Der Atem bleibt eher oben in der Brust und der Einatem ist betont. Unser Nervensystem beginnt, all dies unbewusst mitzuschwingen. Spiegelneuronen und andere Formen sozialer Resonanz sorgen dafür, dass wir innerlich nachbilden, was wir erleben. Deshalb färbt die Anspannung eines anderen Menschen auf uns ab. Unser Körper beginnt sich an die Stimmung im Raum anzupassen.
Das geschieht aus einem guten Grund. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Seit jeher war es wichtig, wahrzunehmen, wie es den anderen geht. Unser Nervensystem ist darauf ausgerichtet, Verbundenheit herzustellen und sich aneinander zu orientieren. Wir regulieren uns gegenseitig. Die Ruhe eines Menschen kann uns beruhigen. Die Freude eines Menschen kann uns anstecken. Und auch Stress und dauernde Anspannung können sich übertragen.
Vielleicht kennst du das: Nach einem Treffen mit einem bestimmten Menschen fühlst du dich weit, inspiriert und lebendig. Nach anderen Begegnungen spürst du Müdigkeit, Druck oder innere Unruhe. Oft liegt das weniger an dem, was gesagt wurde, sondern an dem Feld, das zwischen euch entstanden ist.
Gerade deshalb ist es so bedeutsam, bewusst zu wählen, mit wem wir unsere Zeit verbringen. Die Menschen, mit denen wir uns umgeben, prägen unsere innere Landschaft. Sie beeinflussen, wie wir denken, fühlen und uns selbst erleben. Denn wir spiegeln einander fortwährend. Die Frage ist deshalb nicht nur, wer uns umgibt. Die Frage ist auch: Welche Qualität bringe ich selbst in eine Begegnung? Was überträgt sich durch meine Art zu sprechen, zu atmen, zuzuhören oder da zu sein?