Zum Inhalt springen
Home » Breathwork, Prāṇāyāma & Co. – wie sinnvoll ist dieser Trend?

Breathwork, Prāṇāyāma & Co. – wie sinnvoll ist dieser Trend?

  • von
  • 4 Min. Lesezeit

Atemtechniken erleben gerade einen enormen Boom. Breathwork-Angebote schiessen überall aus dem Boden, auf Social Media wird mit «transformativen» Atemerfahrungen geworben, und auch im Yogaunterricht tauchen immer häufiger intensive Prāṇāyāma-Techniken auf. Menschen hyperventilieren, atmen schnell, kraftvoll oder minutenlang kontrolliert, um mehr Energie, Klarheit, Bewusstsein oder Heilung zu erfahren.

Und ja — Atem besitzt eine enorme Kraft. Das weiss ich als Atemtherapeutin gut. Der Atem beeinflusst unser gesamtes System. Er wirkt auf Kreislauf, Stoffwechsel, Aufmerksamkeit, Spannungszustände, Emotionen und Wahrnehmung. Im Yoga gilt er seit Jahrtausenden als Brücke zwischen Körper, Herz-Geist und Bewusstsein. Denn die entscheidende Frage lautet aus meiner Sicht: Wie atme ich und bin ich mir meiner Muster bewusst? Genau hier beginnt für mich die eigentliche «Atemarbeit».

Viele Menschen tragen sehr spezifische Atemmuster in sich, ohne sich dessen bewusst zu sein. Diese Muster bleiben oft über Jahre bestehen — selbst bei Menschen, die regelmässig Yoga praktizieren oder unterrichten. Genau darin liegt ein Aspekt, der im modernen Yoga aus meiner Sicht oft zu wenig Beachtung findet. Viele Menschen praktizieren intensive Haṭha-Yoga-Prāṇāyāmas wie Bhastrikā, Sūrya Bhedana oder starke Atemretentionen, ohne ihre eigenen Atemmuster wirklich zu kennen. Der Atem wird intensiviert, beschleunigt oder kontrolliert, während die grundlegende Wahrnehmung häufig erstaunlich unscharf bleibt und die eigenen Atemmuster unentdeckt bleiben. Wenn auf dieser Grundlage intensive Atemtechniken praktiziert werden, wird häufig genau das verstärkt, was ohnehin bereits vorhanden ist. Der beste Weg, um ein Ungleichgewicht zu festigen.

Deshalb berührt mich die Tradition von Dr. Swami Gitananda bis heute so tief. Sie beginnt an einem vollkommen anderen Punkt.

Gitananda war eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Er hatte Medizin studiert und arbeitete als Arzt, gleichzeitig wurde er bereits als Junge in Indien von seinem Guru in klassischen yogischen Disziplinen ausgebildet. Dieses Zusammenwirken von medizinischem Verständnis und tief verwurzelter Yogapraxis prägte seinen gesamten Ansatz. Die Vibhāga-Prāṇāyāmas entwickelte und verfeinerte er unter anderem während seiner Arbeit mit Patient*innen auf einer Lungenstation in Indien. Aus dieser Verbindung von direkter klinischer Erfahrung und yogischer Praxis entstand eine – heute würde man sagen therapeutische – Methode von aussergewöhnlicher Präzision.

Im Zentrum steht dabei eine Erkenntnis, die heute oft verloren geht: Bevor Atem – und damit auch prāṇa – bewusst gelenkt werden kann, muss er überhaupt wahrgenommen werden können.

In der Gitananda-Tradition wird deshalb nicht einfach „tiefer geatmet“. Vielmehr wird die Wahrnehmung des Atems systematisch geschult. Insgesamt arbeitet diese Methode mit achtzehn verschiedenen Atemräumen – Regionen des Körpers, die erspürt, geweitet, aktiviert und bewusst angesteuert werden können. Dadurch entsteht nach und nach ein völlig neues Verständnis von Atmung.

Unterstützt wird dieser Prozess durch verschiedene Zugänge gleichzeitig. Die sogenannten Haṭhenas spielen dabei eine zentrale Rolle. Darunter versteht man spezifische āsanas und Bewegungsformen, die gezielt auf bestimmte Atemräume wirken. Hinzu kommen Hasta Mudrās, welche die Wahrnehmung und Lenkung des Atems unterstützen, sowie bestimmte Töne und Klangvibrationen, durch die einzelne Regionen des Körpers aktiviert und erfahrbar gemacht werden.

Gerade Menschen, die bereits lange Yoga praktizieren oder selber unterrichten, erleben hier oft überraschende Erkenntnisse. Viele entdecken Atemräume, die bisher kaum beteiligt waren. Andere bemerken zum ersten Mal, wie stark sie den Atem kontrollieren oder an bestimmten Stellen Spannung halten. Der Atem wird dadurch klarer, vollständiger und bewusster.

Deshalb empfinde ich diesen Ansatz als so wertvoll und auch als notwendige Grundlage für jede vertiefte Prāṇāyāma-Praxis. Denn kraftvolle Haṭha-Yoga-Prāṇāyāmas verstärken immer das, was bereits vorhanden ist. Wenn ein Mensch bereits mit Spannung, Druck oder unausgeglichenen Atemmustern atmet, werden diese Muster durch intensive Atemtechniken häufig noch intensiviert. Die Praxis gewinnt zwar an Kraft, aber nicht unbedingt an Bewusstheit oder innerer Balance.

Die Gitananda-Tradition geht deshalb einen anderen Weg. Sie entwickelt zuerst Wahrnehmung, dann Differenzierung und daraus die Fähigkeit, prāṇa bewusst zu lenken. Der Atem wird Schritt für Schritt kultiviert, verfeinert und erweitert, bis der ganze Körper zu einem Resonanzraum für Atem und Bewusstsein wird. Dabei wird auch der Geist geschult, über einen bestimmten Zeitraum fokussiert zu bleiben.

Bist du neugierig geworden? Diesen Herbst/Winter 2026 gebe ich in Zürich eine 50-stündige Prāṇāyāma Immersion nach Dr. Swami Gitananda für Yogalehrpersonen, Therapeut*innen und Praktizierende, die den Atem verfeinern und klären wollen. Mehr Infos findest du auf meiner Homepage.