Zeit ist Geld!
Von der Sonne, der Eisenbahn und einer politischen Entscheidung, die seit acht Jahren auf sich warten lässt.
Ende Oktober ist es wieder so weit. Wir stellen unsere Uhren eine Stunde zurück. Im Frühling drehen wir sie wieder vor. Seit Jahrzehnten machen wir das, obwohl der ursprüngliche Grund für die Zeitumstellung längst an Bedeutung verloren hat und sich Millionen Menschen in Europa für ihre Abschaffung ausgesprochen haben.
Mich beschäftigt dabei vor allem eine Frage: Wie kam es eigentlich dazu, dass wir unsere Zeit immer stärker nach wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anforderungen ausrichten, während unser Körper nach wie vor seinem eigenen biologischen Rhythmus folgt?
Als die Sonne noch die Zeit bestimmte
Bis ins 19. Jahrhundert hinein richteten sich die Menschen nach der Sonne. Wenn sie ihren höchsten Stand am Himmel erreichte, war Mittag. Und weil die Sonne in Zürich zu einem anderen Zeitpunkt ihren höchsten Stand erreicht als in Wien, Berlin oder Paris, hatten die Städte unterschiedliche Ortszeiten.
Zwischen Zürich und Wien liegen beispielsweise rund 18 Minuten Sonnenzeit, zwischen Berlin und Paris ungefähr 44 Minuten. Während es in Berlin bereits zwölf Uhr mittags war, zeigte eine nach der Sonne gestellte Uhr in Paris erst ungefähr 11.16 Uhr.
Jede grössere Stadt hatte ihre eigene Ortszeit, die umliegenden Gemeinden orientierten sich häufig daran. Diese Zeitmessung war natürlich auch eine menschliche Vereinbarung, hatte aber einen unmittelbaren Bezug zum Lauf der Sonne.
Das änderte sich mit der Industrialisierung und vor allem mit dem Bau der Eisenbahn. Plötzlich mussten Fahrpläne koordiniert, Anschlüsse gewährleistet und Zugbewegungen über grosse Entfernungen organisiert werden. Unterschiedliche Ortszeiten wurden zunehmend unpraktisch. Die Eisenbahn brauchte eine einheitliche Zeit.
In Grossbritannien begann dieser Prozess bereits 1840, als die Great Western Railway die Londoner Zeit für ihren Fahrplan übernahm. Andere Eisenbahngesellschaften folgten. 1880 wurde Greenwich Mean Time (GMT) zur gesetzlichen Standardzeit Grossbritanniens. 1884 legte die Internationale Meridiankonferenz in Washington Greenwich als internationalen Nullmeridian fest. Deutschland führte 1893 die Mitteleuropäische Zeit ein, die Schweiz folgte 1894.
Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich unser Verhältnis zur Zeit grundlegend verändert. Die örtliche Sonnenzeit wich einer überregional organisierten Uhrzeit, die den Anforderungen von Verkehr, Handel und Industrie entsprach.
Und dann kam der Krieg
Die eigentliche Sommerzeit, also das halbjährliche Vor- und Zurückstellen der Uhren, entstand erst später. Schon 1895 hatte der neuseeländische Naturforscher George Vernon Hudson vorgeschlagen, die Uhrzeit saisonal zu verschieben, um das Tageslicht besser nutzen zu können. Nicht ganz uneigennützig, denn so konnte er nach seiner Arbeit noch raus und Insekten erforschen. 1907 griff der Brite William Willett eine ähnliche Idee auf und warb mit seiner Schrift The Waste of Daylight für eine gesetzliche Sommerzeit. Die erste lokale Umsetzung gab es 1908 im kanadischen Port Arthur.
Den entscheidenden Schritt zur landesweiten Einführung machten jedoch das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn am 30. April 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Der Grund war denkbar pragmatisch: Kohle sparen. Kohle wurde für die Kriegsindustrie, den Verkehr und die Energieversorgung dringend gebraucht. Durch die Verschiebung der Uhrzeit wollte man das Tageslicht am Abend besser nutzen und damit künstliche Beleuchtung einsparen.
Die Sommerzeit war also ursprünglich eine wirtschaftlich und militärisch motivierte Massnahme. Andere Länder folgten. Nach dem Krieg wurde die Sommerzeit vielerorts wieder abgeschafft, später erneut eingeführt und teilweise wieder aufgegeben.
Die Ölkrise bringt die Sommerzeit zurück
In den 1970er-Jahren geriet die Sommerzeit erneut in den politischen Fokus. Die Ölkrisen hatten deutlich gemacht, wie abhängig die industrialisierten Gesellschaften von fossilen Energieträgern waren. Wieder lautete das Argument: Energie sparen. Mehr Tageslicht am Abend sollte den Stromverbrauch reduzieren.
In der Bundesrepublik Deutschland und in der damaligen DDR wurde die Sommerzeit 1980 wieder eingeführt. 1996 vereinheitlichte die Europäische Union schliesslich den Zeitraum der Sommerzeit. Seither beginnt sie in den EU-Mitgliedstaaten am letzten Sonntag im März und endet am letzten Sonntag im Oktober.
Doch wie viel Energie sparen wir dadurch tatsächlich? Die wissenschaftlichen Untersuchungen zeichnen inzwischen ein ernüchterndes Bild. Die möglichen Einsparungen sind gering, hängen stark von geografischen und klimatischen Bedingungen ab und können durch einen höheren Energiebedarf für Heizung oder Kühlung teilweise wieder aufgehoben werden.
Das ursprüngliche Hauptargument für die Sommerzeit hat damit erheblich an Überzeugungskraft verloren.
Was geschieht eigentlich mit unserem Biorhythmus?
Unser Organismus orientiert sich seit Jahrtausenden am Wechsel von Licht und Dunkelheit. Die Sonne ist einer der wichtigsten Taktgeber unserer inneren biologischen Uhr. Sie beeinflusst unseren Schlaf-Wach-Rhythmus, die Ausschüttung von Hormonen, unsere Körpertemperatur, unseren Stoffwechsel und zahlreiche weitere physiologische Prozesse. Die Chronobiologie beschäftigt sich intensiv mit diesen Zusammenhängen. Besonders wichtig ist dabei das natürliche Morgenlicht, das unserem Körper signalisiert, dass ein neuer Tag beginnt.
Wenn ich sehe, wie viele Menschen heute unter Schlafstörungen leiden, schlecht einschlafen, nachts immer wieder aufwachen oder morgens wie gerädert aufstehen, frage ich mich schon, welchen Anteil unser Lebensrhythmus daran hat. Natürlich sind die Ursachen vielfältig und lassen sich nicht auf einen einzigen Faktor reduzieren. Denn auch während wir unseren Alltag immer stärker nach der Uhr organisieren, folgt unser Körper weiterhin dem Rhythmus der Natur. Und ich frage mich, wie lange wir noch glauben, dass wir unsere biologischen Bedürfnisse einfach den Anforderungen unserer modernen Gesellschaft unterordnen können, ohne dafür einen Preis zu bezahlen.
Ich denke auch an die Bauern, deren Kühe sich nicht einfach eine Stunde früher oder später melken können, nur weil wir an der Uhr gedreht haben. Die Tiere haben ihren eigenen Rhythmus, auf den Rücksicht genommen werden muss. Auch andere Berufs- und Bevölkerungsgruppen sind betroffen, worauf ich hier nicht näher eingehen werde.
Wenn wir im Frühling die Uhren eine Stunde vorstellen, verschieben wir unsere gesellschaftlich festgelegten Tageszeiten gegenüber dem Sonnenlauf. Unsere biologische Uhr muss sich an diese Veränderung anpassen. Wie gut das gelingt, ist individuell verschieden. Studien bringen die Zeitumstellung unter anderem mit Schlafstörungen und vorübergehenden gesundheitlichen Risiken in Verbindung. Die American Academy of Sleep Medicine hat deshalb 2024 ihre Empfehlung bekräftigt, die saisonale Zeitumstellung abzuschaffen und dauerhaft zur Normalzeit zurückzukehren.
Und genau hier liegt ein Punkt, der in der öffentlichen Diskussion meiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung findet.
Es reicht nicht, die Zeitumstellung abzuschaffen. Wir müssen auch darüber sprechen, welche Zeit danach gelten soll.
Die dauerhafte Normalzeit (umgangssprachlich Winterzeit) wäre aus chronobiologischer Sicht die günstigere Lösung, weil das natürliche Morgenlicht für die Regulierung unserer inneren Uhr eine entscheidende Rolle spielt. Sie entspricht dem Sonnenlauf innerhalb unserer Zeitzone besser, auch wenn sie nicht an jedem Ort mit der lokalen Sonnenzeit übereinstimmt.
84 Prozent wollen die Zeitumstellung abschaffen. Und dann?
2018 führte die Europäische Kommission eine öffentliche Befragung zur Zeitumstellung durch. Rund 4,6 Millionen Menschen beteiligten sich, mehr als je zuvor an einer solchen EU-Konsultation. 84 Prozent der Teilnehmenden sprachen sich für die Abschaffung aus. Die Befragung war freiwillig und damit nicht repräsentativ für die gesamte europäische Bevölkerung. Dennoch war das Ergebnis deutlich. Als häufigster Grund wurden gesundheitliche Aspekte genannt, gefolgt von Zweifeln an den tatsächlichen Energieeinsparungen.
2019 stimmte auch das Europäische Parlament für die Abschaffung. Ursprünglich sollte die letzte Zeitumstellung 2021 stattfinden. Wir schreiben inzwischen Oktober 2026. Acht Jahre nach der Befragung stellen wir unsere Uhren noch immer zweimal jährlich um.
Und jetzt?
Die Vereinheitlichung der Zeit im 19. Jahrhundert diente vor allem den Bedürfnissen von Eisenbahn, Handel und Industrie. Die Sommerzeit von 1916 sollte der Kriegswirtschaft helfen, ihre Wiedereinführung in den 1970er-Jahren wurde mit der Energieversorgung begründet. Und heute?
Die EU-Mitgliedstaaten konnten sich bislang nicht darauf einigen, ob künftig dauerhaft Sommerzeit oder Winterzeit («Normalzeit») gelten soll. Unterschiedliche Zeitregelungen innerhalb Europas könnten den Verkehr, die Logistik und den Handel erschweren. Diese Bedenken sind nachvollziehbar. Allerdings erklärt das für mich noch lange nicht, weshalb acht Jahre nach der Bürgerbefragung weiterhin keine gemeinsame Lösung gefunden wurde.
Die EU-Kommission hat inzwischen eine weitere Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse voraussichtlich 2027 vorliegen sollen.
Der politische Stillstand ist vor allem auf die fehlende Einigung zwischen den Mitgliedstaaten zurückzuführen. Dennoch frage ich mich, welchen Stellenwert die Gesundheit und die biologischen Bedürfnisse der Menschen in solchen Entscheidungen haben. Und weshalb wirtschaftliche und organisatorische Interessen offenbar leichter in politische Prozesse Eingang finden als die Erkenntnisse der Chronobiologie.
Die Uhr und unsere innere Zeit
Als Yogalehrerin beschäftige ich mich seit vielen Jahrzehnten mit den Rhythmen des Körpers, mit Atmung, Bewegung, Aktivität und Regeneration. Diejenigen, die mich und meine Arbeit kennen, wissen, wie zentral das Zyklische Leben und Lehren mir ist. Seit den 90-er Jahren plane ich meine Yogasessions ausgerichtet an die natürlichen Rhythmen der uns umgebenden Natur. Im Ayurveda und auch der TCM werden Tages- und Jahreszeiten unterschiedliche Qualitäten zugeschrieben. Ernährung, Bewegung, Schlaf und Regeneration sollen mit diesen Rhythmen in Einklang gebracht werden.
Auch die moderne Chronobiologie zeigt, wie eng zahlreiche Körperfunktionen mit dem Wechsel von Licht und Dunkelheit verbunden sind. Die wissenschaftlichen Erklärungsmodelle unterscheiden sich von denen des Ayurveda oder der TCM, gleichzeitig beschäftigen sich alle mit der Bedeutung zeitlicher Rhythmen für unser Wohlbefinden.
Wir haben unsere Zeitmessung im Laufe der Geschichte immer stärker vereinheitlicht und an die Anforderungen einer industrialisierten Gesellschaft angepasst. Das hat vieles ermöglicht, was wir heute als selbstverständlich betrachten. Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, in der künstliches Licht, Bildschirmzeiten, Schichtarbeit, ständige Erreichbarkeit und starre Arbeitszeiten unseren Tagesrhythmus erheblich beeinflussen.
Die Zeitumstellung ist dabei nur ein kleiner Teil eines viel grösseren Themas.
Wie viel Raum geben wir den natürlichen Rhythmen unseres Körpers überhaupt noch?
Halten wir uns an Abläufe und Vorgaben, einfach, weil es so ist, oder hören wir auf unseren Körper? Und wie könnten wir unseren Alltag so gestalten, dass Gesundheit, Regeneration und Lebensqualität einen ebenso hohen Stellenwert bekommen wie Effizienz und wirtschaftliche Abläufe?
Die Abschaffung der Zeitumstellung wäre dafür ein Anfang. Entscheidend wäre, dass wir anschliessend eine Zeitregelung wählen, die auch unseren biologischen Bedürfnissen gerecht wird. Denn die Uhr haben wir Menschen erfunden. Die Sonne und die natürlichen Rhythmen des Lebens waren lange vor uns da.
Quellen und weiterführende Literatur
- Historisches Lexikon der Schweiz: Zeitsysteme. Besonders aufschlussreich zur Einführung der Einheitszeit 1894 und zur Rolle der Eisenbahn.
- Time and Date: History of Daylight Saving Time. Historischer Überblick über Hudson, Willett und die Einführung 1916.
- Europäische Kommission: Ergebnisse der Bürgerbefragung 2018.
- Rat der Europäischen Union: Seasonal clock changes. Offizieller Stand des Gesetzgebungsverfahrens, zuletzt aktualisiert im August 2026.
- Bundeswirtschaftsministerium: Fragen und Antworten zur Zeitumstellung. Wirtschaftliche Interessen, politische Hindernisse und geplante EU-Studie.
- Rishi et al. (2024): Permanent standard time is the optimal choice for health and safety. Wissenschaftliche Stellungnahme im Journal of Clinical Sleep Medicine.
