Zum Inhalt springen
Home » Sprache, Macht und Manipulation

Sprache, Macht und Manipulation

  • von
  • 4 Min. Lesezeit

Dass das Wissen um Sprache zunehmend aus der allgemeinen Bildung verschwand, lässt sich auch vor dem Hintergrund des 20. Jahrhunderts betrachten. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg war unübersehbar geworden, welche Macht Sprache besitzt. Propaganda hatte gezeigt, wie Worte ganze Gesellschaften bewegen, Wahrnehmung verändern und Menschen dazu bringen können, bei Dingen mitzumachen, die zuvor undenkbar erschienen.

Einer, der diese Mechanismen sehr genau verstand, war Edward Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds und einer der Begründer der modernen Public Relations. In seinem Buch Propaganda beschrieb er, wie sich öffentliche Meinung gezielt beeinflussen lässt. Sprache spielte dabei eine zentrale Rolle: Wer Begriffe prägt, Bilder erzeugt und bestimmt, wie über etwas gesprochen wird, beeinflusst auch, wie Menschen darüber denken.

Und genau hier wird es für mich spannend. Denn eine Bevölkerung, die Sprache entschlüsselt, stellt andere Fragen. Wer Wörter untersucht, ihre Herkunft erforscht und aufmerksam dafür wird, welche Bilder und Botschaften in ihnen stecken, nimmt Sprache nicht mehr einfach hin. Die Mechanismen der Beeinflussung werden sichtbarer. Der Zauber beginnt sich zu zeigen.

Lies den Code

Schau dir einmal das englische Wort «mortgage» (= Hypothek) an . Mort kennen wir aus mortal oder mortuary und verbinden es mit Tod. Gage bezeichnet ein Pfand, eine Sicherheit oder Verpflichtung. Daraus lässt sich das kraftvolle Bild eines «Todespfands» lesen – einer bindenden Vereinbarung, die uns möglicherweise einen grossen Teil unseres Lebens begleitet.

Oder «government» (Regierung): govern – regieren, kontrollieren – und ment, das sich vom lateinischen mente mit mind, dem Geist, verbinden lässt. Gedankenkontrolle. Denn plötzlich höre ich ein alltägliches Wort anders und beginne zu fragen: Wer regiert eigentlich wen? Und wodurch?

Dasselbe Spiel lässt sich mit vielen Wörtern machen. Auch mit «Hollywood» – darüber habe ich bereits einen eigenen Artikel geschrieben. Mich interessiert, was geschieht, wenn wir Sprache wieder auseinandernehmen, mit ihr spielen, sie hinterfragen und die Bilder wahrnehmen, die dadurch in uns entstehen.

Sprachliche Souveränität

Was verändert sich, wenn du beginnst, Sprache auf diese Weise wahrzunehmen?

Du hörst genauer hin. Du sprichst bewusster. Du bemerkst, welche Formulierungen du täglich wiederholst und welche Wirklichkeit du damit in dir festschreibst. Du erkennst die kleinen, unsichtbaren Verträge, die in einem beiläufigen «Das kann ich nicht», «Das ist eben so» oder «Ich muss» stecken können.

Für mich bedeutet sprachliche Souveränität genau das: meine Worte nicht mehr vollkommen unbewusst zu benutzen, sondern mir die schöpferische Kraft meiner Sprache zurückzuholen.

Und dabei geht es um weit mehr als positives Denken. Positives Denken bleibt an der Oberfläche, wenn darunter dieselben alten Überzeugungen weiterlaufen. Ein paar schöne Affirmationen verändern wenig, solange ich den Rest des Tages sprachlich genau das Gegenteil wiederhole.

Mich interessiert die tiefere Ebene: Was geschieht in meinem Körper, wenn ich etwas ausspreche? Welche Empfindung löst ein Satz aus? Welche innere Wirklichkeit entsteht dadurch? Welche Erwartungen, Bilder und Handlungsmöglichkeiten werden aktiviert – und welche verschwinden aus meinem Blickfeld?

Jeder Satz erzählt deinem System eine Geschichte

Nimm einen einfachen Satz wie: «Ich versuche abzunehmen.»

Was hört dein Unterbewusstsein? Vielleicht vor allem: versuchen. Sich bemühen. Es versuchen. Noch nicht dort sein.

Oder: «Ich möchte erfolgreich sein.» Im «möchten» steckt gleichzeitig das Noch-nicht-Haben. Der gewünschte Zustand liegt irgendwo in der Zukunft.

«Ich brauche mehr Geld.» Auch dieser Satz richtet die Aufmerksamkeit zunächst auf das, was fehlt: auf Mangel, Knappheit und das Gefühl, nicht genug zu haben.

Genau solche Sätze meine ich, wenn ich von sprachlichen Zaubern spreche. Wir wiederholen sie manchmal jahrelang und wundern uns, dass sich dieselben inneren Muster immer wieder herstellen. Nicht, weil das Universum wie ein Bestellservice jedes einzelne Wort wortwörtlich ausführt, sondern weil Sprache unsere Aufmerksamkeit bündelt, unsere Erwartungen mitformt und beeinflusst, was wir wahrnehmen, fühlen und für möglich halten.

Vielleicht manifestieren manche Menschen deshalb leichter als andere. Nicht unbedingt, weil sie spiritueller, weiter oder besonders gesegnet sind, sondern weil zwischen dem, was sie wünschen, denken, sprechen, fühlen und tun, weniger Widerspruch besteht.

Worte sind nicht neutral

Worte sind für mich deshalb weit mehr als Kommunikationswerkzeuge. Sie sind eine Form von Technologie – eine Technologie, mit der wir Bedeutung erzeugen, Aufmerksamkeit lenken und unsere Erfahrungswelt mitgestalten.

Unsere Gedanken sind eng mit Sprache verwoben. Wir führen innere Dialoge, erzählen Geschichten über uns selbst und interpretieren durch Begriffe, was uns geschieht. Diese Sprache beeinflusst, wie wir uns selbst sehen, welche Möglichkeiten wir erkennen und welche Grenzen wir für unverrückbar halten.

Wenn meine Sprache ständig von Müssen, Mangel, Angst, Kampf und Unmöglichkeit erzählt, wird diese Sprache Teil meiner inneren Landschaft. Und aus dieser Landschaft heraus begegne ich der Welt.

Genau deshalb lohnt es sich, die eigenen Worte wieder ernst zu nehmen.

Nicht aus Angst, etwas «Falsches» zu sagen. Sondern aus Neugier darauf, welche Wirklichkeit entsteht, wenn wir beginnen, unsere Sprache bewusst zu wählen.