Viele sprechen von Manifestation und davon, wie du dir das Leben erschaffst, das du dir wünschst. Als Liebhaberin der Sprache teile ich hier wieder einige Gedanken mit dir. Denn die wenigsten sind sich bewusst, wie sie mit ihrer Alltagssprache immer wieder unbewusst kreieren.
Als wir Sprache noch entschlüsselten
Über Jahrhunderte hinweg bedeutete Sprachlernen auch, Sprache zu entschlüsseln. Wörter wurden zerlegt, bis zu ihren Wurzeln zurückverfolgt und in ihrer Struktur und ihrem Ursprung verstanden. Sprache wurde als etwas Schichtartiges untersucht – als etwas, das Denken, Kultur und Weltanschauung formt.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts änderte sich dies. Die klassischen Sprachen (Latein und Griechisch) verschwanden zunehmend aus dem allgemeinen Schulunterricht. Etymologie und das Wissen um Wortwurzeln zogen aus der Alltagsbildung an die Universitäten und in spezialisierte Sprachprogramme. Was übrig blieb, war vor allem die Anwendung: Wortschatz, Grammatikregeln, Auswendiglernen, standardisierte Tests. Heute ersetzen Emojis mitunter ganze Sätze.
Der Schwerpunkt verlagerte sich vom Verständnis darüber, wie Sprache funktioniert, hin zu ihrer möglichst effizienten Nutzung. Und mit dieser Verschiebung wurde auch die Fähigkeit seltener, jene tieferen Strukturen zu erkennen, die in Wörtern eingebettet sind. Wenn Sprache nicht mehr entschlüsselt wird, bleiben die darin enthaltenen Annahmen unbemerkt. Und Muster, die in unserer Alltagssprache verankert sind, formen still und leise unsere Wahrnehmung, unsere Zustimmung und unsere Begrenzungen.
Wie? Wenn du wüsstest, dass das englische «to understand» wörtlich «darunter stehen» oder «sich unterordnen» bedeutet, würdest du vielleicht aufhören, bei jeder Zustimmung zu sagen: «I understand.»
Wenn du wüsstest, dass sich «government» in «govern» – kontrollieren, regieren – und «ment» – Geist – zerlegen lässt, würdest du Autorität vielleicht anders hinterfragen.
Ganz ähnlich ist es mit Worten wie «unter-richten» oder «Krankenkasse». Wir benutzen sie selbstverständlich und fragen kaum noch danach, welche Bilder, Vorstellungen und Bedeutungen darin mitschwingen.
Worte sind bedeutend
Uns wurde ein verdünnter, teilweise korrumpierter Wortschatz gegeben und gleichzeitig beigebracht, dass Worte letztlich unbedeutend seien. Dass Sprache einfach ein Werkzeug sei.
Aber Worte tragen Kraft. Sie sind Zauber. Und sie haben dein inneres Landschaftsbild dein ganzes Leben lang mitgeformt. Aus diesem inneren Landschaftsbild heraus kreierst du dein Leben und das, was du erfährst.
Das ist keine Metapher, kein Symbolismus und keine Übertreibung. Es gründet sich auf Physik und Biologie, darauf, wie Nervensysteme Informationen verarbeiten. Sprache spiegelt Realität nicht nur wider. Sie organisiert Wahrnehmung, konditioniert Reaktionen und formt mit, was überhaupt möglich erscheint.
Wenn Worte Wirklichkeit erschaffen
Und genau deshalb lohnt es sich, ihre tieferen Mechanismen wieder zu erforschen. Denn in dem Moment, in dem du erkennst, dass deine Worte die Welt nicht nur beschreiben, sondern aktiv an ihrer Erschaffung beteiligt sind, verändert sich etwas.
Du beginnst, Sprache bewusster zu wählen. Du trittst aus automatischer Zustimmung heraus und beginnst zu hinterfragen, was du eigentlich sagst – und damit möglicherweise auch, was du glaubst.
Du wirst schwerer lenkbar.Denn sobald du verinnerlichst – oder, um mit einem kleinen englischen Wortspiel zu spielen: «innerstand» -, dass deine Worte Realität nicht einfach beschreiben, sondern an ihrer Erschaffung beteiligt sind, wirst du unregierbarer.