Je älter ich werde, desto mehr zieht es mich zu den einfachen Dingen. Ich spüre, dass vieles von dem, was uns heute als Fortschritt verkauft wird, einen Preis hat. Einen Preis, den wir selten mit Geld bezahlen. Sondern mit Aufmerksamkeit, Zeit, Präsenz und Menschlichkeit.
Wir leben in einer Zeit, in der die Digitalisierung immer tiefer in unseren Alltag eindringt. Fast jede Woche kommt ein neues System hinzu. Eine neue App. Ein neues Update. Eine weitere Plattform. Immer mit dem Versprechen, unser Leben einfacher, schneller und effizienter zu machen. Und tatsächlich: Manches funktioniert erstaunlich gut. Gleichzeitig beobachte ich etwas anderes. Je digitaler unsere Welt wird, desto mehr verschwindet der Mensch aus ihr.
Bankfilialen schliessen. Poststellen verschwinden. Dienstleister sind nur noch über Chats oder Hotlines erreichbar. Oft spricht man längst nicht mehr mit einem Menschen, sondern mit einem KI-System. Wir verbringen immer mehr Zeit damit, Technik zu bedienen. Und immer weniger Zeit damit, einander zu begegnen. Dabei frage ich mich oft, wann aus hilfreichen Werkzeugen Infrastrukturen geworden sind, von denen wir kaum noch unabhängig existieren können.
Es gibt so Vieles, was zu Beginn verlockend erscheint, doch wenn ich es zu Ende denke, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Zum Beispiel beim Thema Bargeld. Die digitale Währung wird oft als Fortschritt verkauft. Bequem. Schnell. Effizient. Doch Bargeld ist mehr als ein Zahlungsmittel. Es ist ein Stück Unabhängigkeit. Solange ich einen Geldschein in der Hand halte, brauche ich keinen Strom, kein Netz, kein Smartphone und keine Zustimmung irgendeiner digitalen Infrastruktur. Interessanterweise beginnt selbst Schweden, das lange als Vorzeigeland der bargeldlosen Gesellschaft galt, zurückzurudern. Denn je stärker alles digitalisiert wird, desto verletzlicher wird ein System. Ein Stromausfall genügt – und plötzlich steht vieles still. Oder man kann dir auf Knopfdruck den Zugang zu deinem Geld verunmöglichen. Oder dir das Reisen verbieten.
Die Frage drängt sich auf, warum wir etwas aufgeben wollen, das seit Jahrhunderten zuverlässig funktioniert und ein Stück persönlicher Freiheit bewahrt.
Ähnlich empfinde ich es bei vielen neuen Autos. Was früher ein Fahrzeug war, entwickelt sich zunehmend zu einer digitalen Plattform auf Rädern. Vernetzt und permanent online. Die 5G-Anbindung gehört bei vielen er neuen Modellen bereits zur Standardausstattung und lässt sich oft gar nicht mehr abschalten. Die neuen Autos, v.a. auch die Elektrischen, sind fahrende 5G Antennen. Und dass es bei 5G nicht um ein schnelleres Internet geht, haben hoffentlich die meisten schon gechecked…
Mich irritiert das. Nicht weil ich gegen Technologie bin, sondern weil ich den Eindruck habe, dass wir uns immer weiter an eine Entwicklung gewöhnen, die ständig mehr Vernetzung, mehr Datenerfassung und mehr digitale Kontrolle als selbstverständlich voraussetzt. Eine technokratische Zukunft entsteht selten durch einen grossen Schritt. Sie entsteht durch viele kleine Schritte, die irgendwann niemand mehr hinterfragt.
Ich habe mir deshalb im Herbst letzten Jahres einen handgeschaltenen Occasion gekauft. Gar nicht so sehr aus Nostalgie, sondern weil ich es schätze, wenn ein Fahrzeug vor allem eines ist: ein Fahrzeug. Ich bin elektrosensibel und so kommt es mir nicht in den Sinn, mich auf eine riesige Batterie zu setzen, wie in den E-Autos.
Mich interessiert längst nicht mehr jede technische Neuerung. Mich interessiert die Frage, was ein gutes Leben ausmacht. Und vieles von dem, was mein Leben reich macht, ist erstaunlich analog. Ein Gespräch, bei dem niemand aufs Telefon schaut. Ein handgeschriebener Brief. Ein Buch mit Eselsohren. Bargeld in der Hosentasche. Eine Wanderkarte aus Papier. Ein gemeinsames Essen mit Freunden. Ein Nachmittag ohne Benachrichtigungen. Eine Yogastunde, in der Menschen nicht auf einen Bildschirm blicken, sondern in sich selbst. Viele der Dinge, die uns wirklich berühren, lassen sich nicht digitalisieren. Der Duft von frischem Brot. Der Wind auf der Haut. Das Lachen eines Menschen. Eine Umarmung. Ein Blick, der mehr sagt als tausend Nachrichten. Kein Algorithmus kann das erzeugen. Keine künstliche Intelligenz kann es ersetzen.
Je stärker die Digitalisierung voranschreitet, desto wertvoller erscheinen mir deshalb jene Räume, in denen wir uns unmittelbar begegnen. Räume, in denen nicht Effizienz, Optimierung und Datenerfassung im Mittelpunkt stehen, sondern Wahrnehmung, Beziehung und Lebendigkeit.
Die eigentliche Herausforderung unserer Zeit nicht darin, mit jeder technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Sondern darin, bewusst zu wählen. Zu entscheiden, wo Technik uns dient und wo sie beginnt, uns zu formen. Denn die entscheidende Frage ist nicht, was technisch möglich ist. Die entscheidende Frage ist, welche Art von Mensch wir dabei werden. Und genau deshalb bleibt mein Ziel ein möglichst analoges Leben. Nicht aus Angst vor der Zukunft. Sondern aus Liebe zum Menschsein.